Home Bücher & Sprache 23. Türchen: Kostenlose Krimi-Kurzgeschichte

Print Friendly

Nachdem sich Conrad, Stefan und Lina vor dem Heidelberger Präsidium getroffen hatten, erfuhren sie, dass der Verdächtige weiterhin kein Wort gesagt hatte. Jedoch hatte sich im Laufe des Tages ein Zeuge gemeldet, der sich erinnern konnte, dass der Verdächtige mit dem Jungen gesprochen und ihm etwas zugesteckt hatte, der später sein Getränk über das Opfer geleert und damit den ursprünglichen Schrei provoziert hatte. Eine Nachfrage bei dem Jungen hatte ergeben, dass er sich mit fünfzig Euro für diesen Streich hatte bezahlen lassen – ein Spitzenpreis, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Menschen auf dem Schiff darum gestritten hätten, wer Tante Helene als erstes einen Streich spielen dürfte.

Außerdem erfuhren die drei in einem inoffiziellen Gespräch, das sich an ihre Aussage anschloss, dass der Verdächtige tatsächlich mehrere Jahre in einer Jugendstrafanstalt einsaß, nachdem er im zarten Alter von vierzehn Jahren seinen Stiefvater erschlagen hatte. Er selbst behauptete damals steif und fest, er habe in Notwehr gehandelt, jedoch schworen seine Mutter, alle Nachbarn, Freunde, Verwandte, seine Geschwister und selbst sein leiblicher Vater, dass der Stiefvater in keinster Weise zu Gewalt geneigt habe. Als erwiesen galt indes die These, dass der Stiefvater den jungen Dirk dabei erwischt hatte, wie dieser seiner Mutter Geld aus dem Portemonnaie stehlen wollte, um seine damalige Drogensucht zu finanzieren. Daraufhin hatte Sohnemann mit dem Schirmständer zugeschlagen und den Stiefvater so unglücklich getroffen, dass dieser auf der Stelle tot war. Im Anschluss an seinen Prozess verbrachte er acht Jahre im Gefängnis, unter anderem in eben jener Anstalt, in der das Opfer an der Essensausgabe gearbeitet hatte. Nach seiner Entlassung machte er sich als Tontechniker selbstständig und hatte sich durchaus ein angenehmes kleines Leben aufgebaut – inklusive lukrativer Aufträge aus Bevölkerungsschichten, die normalerweise keine jugendlichen Straftäter in ihren Reihen duldeten und einer Verlobten, die seine gesamte Familie für tot hielt. Er hatte also einiges zu verlieren …

„Wir haben zwar kein Geständnis, aber wir gehen davon aus, dass alle Beweise, Indizien und Zeugenaussagen ausreichen werden, um den Kerl hinter Gitter zu bringen“, vermutete der verantwortliche Heidelberger Kollege:
„Wir haben seine Vorstrafe und die Tatsache, dass er das Opfer tatsächlich aus dem Jugendvollzug kannte. Wir haben die Aussage des Zeugen und des Jungen, die Fingerabdrücke auf seinem eigenen Handy, die komplizierte Ton-Software, mit der er die Datei mit dem Schrei überarbeitet hatte und einige Hautfasern unter den Nägeln des Opfers, die von unserem Verdächtigen stammen. Da kann er sieben Mal im Saal bei allen anderen Gästen gewesen sein, als der Schrei fiel: Dirk Michels ist unser Mann!“

Morgen folgt der persönlich-versöhnliche Abschluss >>>

***

Lust auf mehr Abenteuer von und mit Lina Stark? Es gibt bereits drei aufgeklärte Kriminalfälle: