17. Türchen: Kostenlose Krimi-Kurzgeschichte

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Lina grübelte. Sie überlegte, wie all diese Informationen zusammenpassten. Unterdessen unternahm Onkel Hugo, angestachelt von Tante Agathe, den Versuch, an Bruch vorbei zu kommen. Und in Anbetracht von Bruchs Verfassung wäre ihm dies auch fast gelungen. Doch Lina stellte sich in seinen Weg und sah sich bereits wüsten Beschimpfungen durch Tante Agathe ausgesetzt, als Conrad sich zu ihnen gesellte. Er nahm Tante Agathe beiseite, parkte sie auf dem nächstbesten Stuhl und erklärte ihr, was mit ihrer Schwester geschehen war. Lina konnte nicht ausmachen, ob und wenn ja, welche Gefühlsregung die Schwester der Toten zeigte. Oberflächlich funkelte sie Conrad böse an – doch es war nicht ersichtlich, welche Emotion sich hinter dieser Fassade breit machte.

Dann wandte sich Conrad an alle anderen Gäste:
„Wie es aussieht, ist am Heck des Schiffes ein Unfall geschehen. Wir wissen noch nicht genau, was passiert ist, daher möchte ich Sie alle bitten, diesen Saal nicht zu verlassen.“
Florian kam zu ihnen herüber geeilt und erkundigte sich, was genau geschehen war. Conrad informierte ihn kurz über das Ableben von Tante Helene und bat ihn, es schonend seiner Frau beizubringen.
„So schonend muss ich das nicht machen – diesen alten Drachen konnte sie ohnehin nicht leiden. Die mussten wir nur einladen, weil ihr Vater das wollte.“

Lina sah ihre vorherige Theorie bestätigt, hatte jedoch keine Zeit, sich darüber zu freuen. Stattdessen zog sie Conrad aus dem Saal, in dem nun auch wieder die sieben Leute Platz nahmen, die bisher unter Deck hatten ausharren müssen.
„Was ist denn nun eigentlich passiert? Heraus mit der Sprache!“
„Wie schon gesagt: Tante Agathe liegt hinten tot in einem kleinen Büro. Ich bin kein Gerichtsmediziner, aber es sieht so aus, als ob sie erdrosselt worden wäre.“
„Erdrosselt? Das ist doch nicht möglich.“
„Ja, kommt mir auch ein bisschen komisch vor. Was sagtest du: Wie lange hat es gedauert, zwischen meinem Aufbruch hier und meiner Rückkehr?“
„Vierundfünfzig Sekunden.“
„Ein bisschen wenig Zeit, um zu fliehen, oder?“
„Ein bisschen wenig Zeit, um zu sterben.“

Lina sagte nichts mehr. In ihrem Kopf vermengten sich all die unwichtigen und wichtigen Informationen des heutigen Tages: ein hämisches Grinsen, ein spitzer Schrei, ich vergesse niemals ein Gesicht, Gichtfinger, in einem früheren Leben, vierundfünfzig Sekunden …
„Ordnung, Lina, Ordnung!“, ermahnte sie sich selbst.

Morgen geht es weiter >>>

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