15. Türchen: Kostenlose Krimi-Kurzgeschichte

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Die Gäste blickten sich verwirrt an, konnten jedoch nicht erkennen, wer von ihnen den Schrei abgegeben hatte. Conrad war bereits einen Gedankengang weiter und stürmte in Richtung des Ursprungs, der ganz eindeutig nicht im großen Saal lag, sondern vom Heck des Schiffes zu ihnen vorgedrungen war. Lina aktivierte die Stoppuhr in ihrer Armbanduhr und schnappte sich geistesgegenwärtig ein Tau, das sie im Zwischengang von der einen Seite zur anderen Seite des Partybootes spannte und so die Menschen im Saal daran hinderte, Conrad nachzulaufen. Für den Fall, dass etwas Schlimmes passiert war, waren alle Gäste im Tanz- und Speisesaal fein heraus – schließlich konnten sie nicht an zwei Orten zur gleichen Zeit sein.

Kollege Bruch war indes viel zu betrunken, um vollumfänglich die Situation zu erfassen, schaffte es jedoch immerhin, sich von seinem Platz zu erheben, sich zu Lina zu stellen und wichtig auszusehen. Offensichtlich freute er sich sogar, als im Lina das Tau in die Hand drückte und ihm damit die Verantwortung für die Absperrung übertrug. Stefan darf ein Tau halten und Aufpasser spielen – uhi! Wie ein kleiner Junge, schoss es Lina durch den Kopf und zum ersten Mal konnte sie erahnen, was ihn seinerzeit veranlasst haben könnte, zur Polizei zu gehen.

Während Lina die Gesichter im Saal scannte und sich einzuprägen versuchte, kam Conrad vom Heck des Schiffes zurück. Seinem Blick konnte sie entnehmen, dass tatsächlich etwas Schlimmes passiert war und stoppte den Zeitmesser an ihrer Uhr. Vierundfünfzig Sekunden war Conrad weggewesen. Er weihte sie noch nicht in sein Wissen ein, sondern ermahnte Bruch nur, niemanden durch die Absperrung zu lassen. Lina sollte überprüfen, ob sich am anderen Ende des Saals noch ein Ausgang befand. Er selbst griff sich einen Steward und wollte kurz das gesamte Schiff absuchen. Auch unter Deck.

Als Lina rasch durch den Saal ging, konnte sie die Blicke der Gäste auf sich fühlen. Sie hasste solch große Auftritte. Wie sie geahnt hatte, war der Saal an seiner Bug-Seite komplett verschlossen: kein Ausgang, keine Falltür, kein Fenster, das man öffnen konnte. Es gab nur den einen Ausgang und der war dort, wo sich Bruch breitbeinig und breitschultrig positioniert hatte. Auf ihrem Rückweg wurde sie kurz von Florian zurückgehalten, der mehr besorgt als verärgert aussah. Wahrheitsgemäß versicherte sie ihm jedoch, dass sie selbst keine Ahnung hatte, was passiert war und bat ihn, bei seiner Frau zu bleiben.

Im Vorbeigehen fiel Lina auf, dass sich die meisten Gäste tatsächlich auf der Tanzfläche oder an einem der vielen Tische im großen Saal befanden. Zwar tanzte niemand mehr, doch noch schien dies niemand zum Anlass genommen zu haben, sich wieder zu setzen. Gebannt verfolgten sie Lina mit ihren Blicken und ließen diese nach deren Ausflug durch den Saal auf dem Durchgang verharren.

Durch die Glasfenster konnte Lina erkennen, dass Conrad eine Handvoll Menschen unter Deck am Büffet zusammengetrommelt hatte. Er bedeutete ihnen, kurz zu warten und kam dann zu Lina herüber.

Morgen geht es weiter >>>

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