9. Türchen: Kostenlose Kurzgeschichte

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Gegen 16 Uhr legten sie in Neckarsteinnach an, was den Gästen Gelegenheit verschaffte, sich die Füße zu vertreten. Ein Angebot, das alle gerne annahmen, so dass es kurz darauf in den engen Gassen des kleinen Städtchens vor festlich gekleideten Menschen nur so wimmelte. Lina verfluchte sich, dass sie Pumps angezogen hatte und keine Ballerinas, als sie versuchte, halbwegs elegant über das Kopfsteinpflaster zu stöckeln. Die Männer sahen, dass sie einige Probleme hatte, sich nicht die Füße zu brechen und hakten sie gleichzeitig bei sich unter. So ging sie also – einen Herrn an jedem Arm – durch dieses romantische Neckarsteinach. Schade, dass einer ihr bester Freund war und für den anderen noch nicht einmal die Bezeichnung „guter Bekannter“ taugte. Wie gerne wäre sie mal wieder verliebt mit einem Mann Arm in Arm herumgelaufen. Doch in dieser Beziehung herrschte seit langer Zeit Flaute.

Ihr Landgang endete eine Stunde später, als auf dem Schiff das Abendessen aufgetragen wurde. Nach und nach versammelten sich alle Gäste wieder an Bord und Lina sah zu, dass sie Tante Helene und ihrer nicht minder mürrischen Schwester Agathe aus dem Weg ging. So verbrachten sie die nächsten Stunden friedlich und harmonisch. Und als das Partyboot ablegte und wieder Kurs auf Heidelberg nahm, war es Zeit, mit den peinlichen Spielen zu beginnen, die wohl jedes Brautpaar an seinem Ehrentag über sich ergehen lassen musste. Leider hatten die Organisatoren wohl vergessen, dass die Braut im achten Monat schwanger war. Anna hatte sichtlich Mühe mit den Anforderungen mancher Spiele mitzuhalten, freute sich jedoch wie ein kleines Kind, dass sie dieses Mal die Braut war und im Mittelpunkt stand. Mit leuchtend roten Wangen und glücklichem Lächeln fiel sie mehrere Male ihrem frischgebackenen Mann in die Arme und Lina überkam eine Welle der Freude, als sie die beiden beobachtete. Da hatten sich tatsächlich zwei richtig liebe Seelen gesucht und gefunden. Conrad schien den gleichen Gedanken gehabt zu haben, denn unvermittelt sagte er auf einmal:
„Wie meine Heidi und ich damals!“

Lina sagte nichts. Nach all den Jahren wusste sie noch immer nicht, wie sie Conrad in seinem immer noch tiefen Schmerz unterstützen konnte. Stattdessen nahm sie einfach nur seine Hand und gemeinsam blickten sie auf das junge Glück und wünschten ihnen, dass sie mehr Zeit miteinander hätten, als Heidi und Conrad vergönnt war.

In diese Szene platzte Stefan Bruch herein, der es sich seit dem Abendessen zur Aufgabe gemacht hatte, alle möglicherweise aufkommende Einsamkeit hinfort zu saufen. Während des Essens hatte er noch lamentiert, dass er einen ganzen Monat Zeit in seine heutige Verabredung gesteckt hatte und nun doch allein hier herumsitzen musste. Lina wollte ihn nicht provozieren, doch konnte sie sich die Frage nicht verkneifen, ob es denn etwas Ernstes zwischen ihnen beiden gewesen sei.
„Quatsch! Sie war schon sehr einfach gestrickt. Aber auf die Schnelle habe ich nichts Besseres finden können.“
„Man sollte doch meinen, dass solch minderwertiges Menschenmaterial etwas mehr Dankbarkeit zeigen könnte, wenn man sich seiner erbarmt“, versetzte Lina spitz, was Stefan Bruch veranlasste, den Tisch in Richtung Bar zu verlassen.
Sie kam Conrads Zurechtweisung zuvor, indem sie ihr Verhalten verteidigte.
„Er ist ein Chauvinisten-Schwein und ich werde ihn sicher nicht mit Samthandschuhen anfassen, nur weil er allein hier ist und gerade ausnahmsweise seinen Sentimentalen hat. Es geschieht ihm Recht, dass er abserviert wurde. Vielleicht lernt er ja dadurch endlich einmal, dass man Frauen nicht wie Vieh behandeln darf.“

Morgen geht es weiter >>>

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