5. Türchen: Kostenlose Krimi-Kurzgeschichte

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Mit der Zeit füllte sich das Schiff, so dass die direkten, persönlichen Vorstellungen immer weniger wurden und schlussendlich ganz aufhörten. Verschiedene Grüppchen standen zusammen: von der Kollegenseite des Bräutigams waren nur Konrad und Stefan anwesend; die Verwandtschaft stand in der einen Ecke, einen weiten Bogen um den Tisch mit den Tanten machend; gleichaltrige Freunde waren in einer anderen Ecke versammelt – offensichtlich Singles, denn jeder von ihnen war allein gekommen und Lina hatte bemerkt, dass Stefan immer wieder den Kopf gereckt und die Lage gecheckt hatte. Direkt neben die drei hatten sich zwei Pärchen gestellt, die sich als Colette, Viola, Dirk und Rufus vorstellten. Offenbar hatten sie sich beim Hochzeitstanzkurs kennengelernt und gleich so gut verstanden, dass sie sich gegenseitig zu ihren jeweiligen Hochzeiten eingeladen hatten.

Lina musste unweigerlich an ihre Freundin Charlotte denken, die vor einem knappen Jahr geheiratet hatte. Die Gute war zu einem wahren Brautmonster mutiert, hatte Chats und Foren besucht, sich mit anderen Bräuten ausgetauscht und getroffen und Lina hatte zwischenzeitig schon befürchtet, sie für immer an die Tussi-Fraktion verloren zu haben. Doch wo viele Weiber aufeinander treffen, ist der Zickenterror nicht fern und so brachen die neu gebauten Brücken sehr schnell unter der Last von Intrigen, widerlichen Wettstreiten und üblen Nachreden zusammen. Eine nette Vorbereitung auf den schönsten Tag des Lebens!
Auch wenn es fies war: Lina war froh, dass diese Schlampen ihr wahres Gesicht gezeigt hatten und Charlie dadurch die Augen geöffnet wurden. Und noch ehe der große Tag heran war, hatte ihre Freundin wieder zu der Gelassenheit gefunden, für die sie Lina stets bewundert hatte.

Auch Colette und Viola schienen ins Lager der Brautmonster zu gehören, denn sie scannten jedes Detail mit kritischen Blicken und kommentierten alles in einer Art und Weise, die Lina nur als „unverschämt“ bezeichnen konnte. Ihre beiden zukünftigen Gatten zeigten derweil keinerlei Interesse am Blumenschmuck und der anderen Dekoration, die Lina im Übrigen äußerst geschmackvoll und schön fand, sondern ärgerten sich nur, dass sie an diesem Samstag die Spiele der Fußball-Bundesliga verpassten. Alles in Allem schien diese Combo aus Zicken und Schnöseln zu bestehen, weshalb sich Conrad, Stefan und Lina bald abwandten und wieder ihren eigenen Gesprächen nachgingen.
Nur noch einmal zog die Gruppe das Interesse der drei auf sich, als die Männer mit Sektgläsern für ihre Frauen und Bier für sich selbst von der Bar zurückkehrten. Dabei stolperte der eine über die Handtasche der Großtante Helene, die ihn daraufhin mit üblen Verwünschungen und Beschimpfungen bedachte. Besonders skurril wurde es jedoch, als sie ihren gichtgeplagten Zeigefinger erhob und dem vollkommen verdutzten Dirk drohte: „Ich vergesse niemals ein Gesicht, mein Lieber! Niemals!“
Die Verwandtschaft grinste sich daraufhin vielsagend zu und auch Conrad, Stefan und Lina amüsierten sich:
„Da haben wir den Beweis: Elefanten vergessen tatsächlich nichts“, bemerkte Lina trocken.

Und dann war es endlich soweit: Das Brautpaar hatte zusammen mit seinem Gefolge das Schiff erreicht und wurde unter teils stürmischem Applaus, teils prüfenden Blicken empfangen.

Morgen geht es weiter >>>

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