2. Türchen: Kostenlose Krimi-Kurzgeschichte

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Gestern ging es los mit der Krimi-Kurzgeschichte, die ich euch dieses Jahr in Adventskalender-Portionen serviere. Heute gibt es die nächsten Infos – die erst einmal weiter die Hauptpersonen beschreiben. Schließlich will ich euch meine Helden ausführlich vorstellen.

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Der Zeitpunkt war gekommen, an dem sie das Getuschel nicht mehr ignorieren konnte und sich zwangläufig umdrehen musste, wenn sie nicht als unhöflich gelten wollte. Da Lina jedoch mit keiner Faser ihres Seins unhöflich war, riss sie sich vom Anblick des schönen Neckartals los und widmete sich Conrad, Stefan Bruch und … niemandem sonst.
„Was ist denn los? Wo ist Ihre Begleitung?“
Im nächsten Moment ärgerte sich Lina, dass sie solch offenkundiges Interesse am Kollegen ihres Freundes gezeigt hatte; hatte sie doch in den vergangenen Monaten stets versucht, nicht übermäßig neugierig zu wirken oder Bruch das Gefühl zu geben, sie sei in irgendeiner Weise an seinem Leben interessiert.
„Sie kommt nicht“, antwortete Bruch recht kleinlaut, eine Stimmlage, die sie bei ihm noch nie gehört hatte. Und an Conrad gewandt fügte er hinzu: „Kann man das glauben: Da schleppt man sich durch sieben Dates mit der gleichen Frau, um am Ende nicht allein auf diese blöde Hochzeit gehen zu müssen. Und dann sagt die Tante einen Abend vorher ab!“
„Wolltest du die Sache nicht sowieso beenden?“, wandte Conrad ein.
„Ja, sicher. Aber erst morgen, wenn der ganze Spuk vorbei ist.“
„Und diese blöde Kuh hat das geahnt und ist Ihnen zuvor gekommen? So ein Pech aber auch!“
Lina, halt endlich deine blöde Klappe, schalt sie sich selbst.
Bruch kommentierte dies mit einem Blick, der eine Mischung aus Ratlosigkeit und Wut verriet, sagte jedoch nichts, sondern ging in Richtung der Anlegestelle, an der das Neckarschiff bereits auf seine Fahrgäste wartete.
Conrad und Lina folgten ihm wortlos, jedoch meinte Lina einen missbilligenden Blick Conrads aufgefangen zu haben und richtete ihrerseits den Blick zu Boden. Und damit hatte sie nicht Unrecht, denn Conrad war es in der Tat leid, immer wieder zwischen die Fronten ihrer Sticheleien zu geraten. Im einen Moment verstanden sich sein Kollege und sein Tochter-Ersatz hervorragend, im nächsten gerieten sie wegen irgendeiner Lappalie aneinander. Und heute wollte Conrad Krug keinen Streit: Er wollte, dass sich alle lieb hatten, schließlich heiratete einer seiner Lieblingskollegen.

Glücklicherweise schien Stefan gewillt, den kleinen Zwischenfall auf sich beruhen zu lassen und erkundigte sich bald im Plauderton, ob er nicht noch die gemeinsame Glückwunschkarte unterschreiben müsse. Lina war dankbar für dieses Friedensangebot und schwor sich, heute keine spitzen Bemerkungen mehr von sich zu geben. Sie reichte Stefan die Karte und einen rot-glitzernden Stift, mit dem er unterschreiben sollte, der jedoch so gar nicht zu seinem männlichen Erscheinungsbild passen wollte. Conrad hatte sie zuvor mit dem gleichen Stift unterschreiben sehen – da hatte sie diese Diskrepanz jedoch nicht irritiert. Sie führte dies darauf zurück, dass sie schon als Kind dem damals Dreißigjährigen bunte Bänder in seine Achtziger-Jahre Fokuhila-Frisur geflochten hatte – hatte man so etwas miteinander erlebt, sah man den anderen wohl nicht mehr als Mann, sondern nur als älteren Spielkameraden.
Auch Stefan stutzte, als er die Farbe des Stiftes sah und schielte Lina frech von der Seite an.
„Sorry, die Farbe passt halt zur Karte!“, entschuldigte sie sich brav und für die nächsten paar Minuten war das Gesprächsthema auf unverfängliches Terrain gerutscht, denn Bruch lobte die Fingerfertigkeit, mit der Lina die Karte selbst gebastelt hatte. Sie versäumte es indes nicht, Conrads Hilfe zu erwähnen, vermied dabei jedoch die Details, die verraten hätten, dass diese Hilfe vornehmlich darin bestanden hatte, Bänder aus Kartons zu suchen, seinen Finger auf Knoten zu drücken und unsachliche Ratschläge zu geben.

So erreichten sie recht gut gelaunt den Anleger, zeigten ihre Einladungskarten vor, nannten ihre Namen und fanden sich innerhalb weniger Minuten mit einem Sektglas in der Hand an der Reling wieder.

Morgen geht es weiter >>>

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