Matrix – mein Lieblingsfilm und die Philosophie

Print Friendly

Als „Matrix“ im Jahr 1999 in die Kinos kam, war ich hellauf begeistert. Gleich dreimal bin ich damals ins Kino gerannt. Die Geschichte hatte mich voll in ihren Bann gezogen – kein Wunder, dass mich Teil 2 und 3 auf ganzer Linie enttäuschten. Die Menschheit lebt in Sklaverei, wir müssen sie retten! Dies war die Aussage des ersten Teils. Doch irgendwie schrumpfte die Menschheit in den beiden Fortsetzungen auf eine Handvoll Unterweltler, die es zu retten galt. Von den unnötig brutalen Szenen im dritten Teil fange ich gar nicht erst an.

Kritiker führen an dieser Stelle wieder an, dass „Matrix“ Gewalt verherrliche. Sehe ich nicht so – und das will schon etwas heißen, schließlich wird mir beim kleinsten Tröpfchen Blut schlecht. Sicher: Die Protagonisten brechen das Gesetz und erheben sich gegen die Obrigkeit. Sie ballern wie wild durch die Gegend und sind der Alptraum jedes Erziehungsberechtigten. Doch hat der Film so viele Ebenen und Einflüsse, dass man ihn in seiner Gesamtheit einfach als das sehen muss, was er ist: ein Meisterwerk der Filmgeschichte. (Teil 2 und 3 ignorieren wir an dieser Stelle einfach!)

An der Uni hatte ich ein Seminar belegt, in dessen Verlauf ich mich mit einem Referat und einer Hausarbeit meinem Lieblingsfilm widmen durfte: „Lug und Trug. Zur Logik kontrafaktischer Kommunikation“. Mein damaliges Handout habe ich hier für euch. Ich finde es immer wieder krass, wie viele literarische und philosophische Einflüsse in Matrix stecken.

Zunächst der Trailer zu „Matrix“

Mein Handout zu „Matrix“

  1. Namensgebung
    • Namen haben sich die Handelnden in der Matrix selbst ausgesucht (Hacker-Existenz)
    • Wissen um eine andere Existenz
    • Wissen, dass in der Welt etwas nicht stimmt
    • Neo (Keanu Reeves) – griechisch: neu – Anagramm für „The One“ – Thomas Anderson: ungläubiger Thomas (will seine Retterrolle nicht wahrhaben) + Menschensohn
    • Morpheus (Laurence Fishburne) – Griechischer Gott der Träume/des Schlafes – Prinzip Hoffnung
    • Trinity (Carrie-Anne Moss) – die Dreifaltigkeit (der Heilige Geist des Trios) – Prinzip Liebe
    • Cypher (Joe Pantoliano) – Luzifer, gefallener Engel, der andere vom rechten Glauben abbringen will – Ziffer, nur einer von vielen, eine beliebige Zahl auf den endlosen Menschenplantagen – Ziffer 0, digitales Gegenstück zu Neo (One)
    • Agent Smith (Hugo Weaving) – Allerweltsname, kein Vorname (hebt sich durch nichts ab)
  2. Lügen auf der Handlungsebene
    • Agent Smith – die personifizierte Lüge – benutzt, täuscht, unterdrückt und spielt die Menschen gegeneinander aus, um selbst frei zu sein
    • Cypher – verrät seine Freunde, entscheidet sich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gegen die Wahrheit und für die Matrix – er will anderen zu seinem eigenen Vorteil Schaden zufügen (Aristoteles) – hat sich an Code gewöhnt und dechiffriert ihn automatisch – er ist von der Matrix immer noch geblendet – glaubt weiterhin an die Lüge, obwohl er die Wahrheit kennt
    • Orakel – sie lügt nicht – sie sagt nie „Du bist nicht der Auserwählte!“ – führt Neo auf den richtigen Weg „Being the One is just like being in love. […] Nobody can tell you you’re in love. You just know it.“ – er muss von allein drauf kommen – wenn man ihn überreden müsste, würden immer Zweifel bleiben – „Know thyself!“ – vergleiche Orakel von Delphi (und Sokrates)
    • Trinity – sie lügt nicht direkt, verschweigt Neo aber dass sie ihn liebt und damit die Wahrheit – Gründe? „I want to tell you something… but I’m afraid of what it could mean, if I do.“
    • Morpheus – weiht Neo nicht von Anfang an ein – Neo würde ihm wahrscheinlich nicht glauben – Höhlengleichnis, der Erweckte kehrt zurück und die Anderen glauben ihm nicht
    • Neo – führt ein Doppelleben – lügt in der Matrix – außerhalb der Matrix belügt er seine Mitmenschen zwar nicht, aber sich selbst – Understatement wie bei Sokrates (Aristoteles) „I’m just another guy.“
  3. Literarische und philosophische Einflüsse
    • Märchen (Dornröschen) – Dornröschen-Schlaf der gesamten Erdbevölkerung – Geschichte der Erde ist zum Stillstand gekommen – Trinity erweckt Neo mit einem Kuss (siehe auch Schneewittchen)
    • Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln – „Folge dem weißen Kaninchen!“ – Kaninchenbau: erste Kamerafahrt, Abstieg durch Neos Kehle, Neo taucht in Agentenkörper ein – Spiegelbilder: Sonnenbrillen, Löffel, Morpheus´ Pillenschachtel, Wolkenkratzer
    • Der Zauberer von Oz – Übergang vom schwarz-weißen Kansas ins bunte Oz (Traumwelt) – Übergang von der farbigen Matrix in die schwarz-weiße „real world“ – rote Pille = Dorothys rote Schuhe – „It means buckle up, Dorothy, ‘cause Kansas is going bye-bye.” – „Mr. Wizard, get me the hell out of here!“
    • Bibel (Christentum / Judentum) – Christussymbolik: Tod, Auferstehung, Aufstieg in den Himmel als Schlussbild – Neo als auserwählter Retter der Menschheit – Choi: „Hallelujah! You are my savior, man! My own Jesus Christ!” – Namensgebung: Trinity, Nebukadnezar, Zion – Filmstart in den USA an Ostern
    • Gnostizismus – stoffliche Schöpfung befindet sich in der Hölle, geschaffen vom bösartigen Weltbaumeister, dem Demiurgen – Menschen stecken mit ihren Körpern im Morast, merken es aber nicht – Satan ist der Held (einsamer Rebell gegen die Tyrannei eines Wahnsinnigen Gottes): Morpheus hat satanische Züge (schwarze Kleidung, rote Pille)
    • Taoismus – Traumparabel des Dschuang Dsi – Mensch mit dem Traum er sei ein Schmetterling <> Schmetterling mit dem Traum er sei ein Mensch
    • Platon – Höhlengleichnis: Menschen leben gefesselt in Gefangenschaft; einer kann sich befreien und sieht, was sich hinter den Schatten verbirgt, die er sein Leben lang sah; er erkennt das wahre Leben, die „real world“; er kehrt zurück und berichtet das Erlebte, doch die Anderen glauben ihm nicht und bezichtigen ihn der Lüge – uralte Angst der Menschheit – Morpheus ist der wissende Rückkehrer – auch Neo glaubt ihm anfangs nicht
    • Sokrates – Neos Geschichte ist die Geschichte Sokrates´ – auch Sokrates ging zu einem Orakel und war dazu auserkoren die Menschen (Athens) zu erwecken – beide bekommen mit der Obrigkeit Probleme – Sokrates verliert, Neo gewinnt
    • Descartes – Skeptizismus: Suche nach grundlegenden, ewigen Wahrheiten – Vertrauen in die Informationen, die uns unsere fünf Sinne vermitteln: sehen, hören, riechen, schmecken, tasten – unsere Sinne täuschen uns oft = Informationen sind nicht verlässlich – Träume: bis zu dem Zeitpunkt des Erwachens können wir nicht sagen, dass alles nur ein Traum ist – aber eines steht fest: die eigene Existenz anzuzweifeln führt dazu, dass man sich bewusst wird, dass man existiert – „Ich denke, also bin ich.“
  4. Eine riesengroße Lüge – Was ist die Matrix?
    • „The Matrix is everywhere, it’s all around us. […] It is the world that has been pulled over your eyes to blind you from the truth. […] A prison for your mind.”
    • Menschen leben in Gefangenschaft – sie bekommen ein Computerprogramm eingespeist, das Erfahrungen, Gefühle, Träume und Schmerzen simuliert
    • Matrix ist vergleichbar mit einem immerwährenden Traum
    • Grenze zwischen der Matrix und der „real world“ kann nicht genau gezogen werden
  5. Trügerische Bilder
    • jedes Bild in der Matrix ist eine Illusion, eine Lüge
    • Film widerlegt die These, dass Bilder erst lügen, wenn man Sprache dazugibt (Jürgen Hörisch)
    • Täuschung der Menschen in der Matrix und der Zuschauer
    • Bullet-Time: Stilmittel zur Darstellung einer konstruierten Realität
    • Zeit und Raum sind nicht das Gleiche wie unserer Welt
    • Computersimulation als Basis
    • 120 Kameras und zwei Spielfilmkameras
  6. Offene Fragen
    • Wie kann Neo die neuen Erfahrungen richtig interpretieren, wenn die Kriterien der Entscheidungsfindung in der Matrix erlernt wurden und er, sobald er seine neuen Erfahrungen als „wahr“ anerkennt, alle alten Erkenntnisse negieren muss?
    • Warum ist gerade Neo der Auserwählte und nicht Morpheus oder Trinity, die auch die Regeln der Matrix umgehen können?
    • Wie können wir sicher sein, dass wir wirklich in der Wirklichkeit leben, dass alles um uns herum real ist?
  7. Botschaft des Films
    • „Schau dich um und stelle infrage, was du siehst und womit du dich abfindest. Und fang mit dir selbst an. Erkenne dich selbst.“
  8. Literaturangaben
    • Haber, Karen (Hg.): Das Geheimnis der Matrix. Deutsche Erstausgabe. München 2003.
    • Hügli, Anton / Lübcke, Paul (Hg.): Philosophielexikon. Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart. Reinbek bei Hamburg 2000.
    • Irwin, William (Hg.): The Matrix and Philosophy. Welcome to the Desert of the Real. Chicago 2002.
    • Jürgens, Christian: Keanu im Wunderland. In: Die Zeit. 17. Juni 1999. S. 36.
    • Wachowski, Andy / Wachowski, Larry: Matrix. Screenplay.


Comments are closed.