Weihnachten + Familie = eine explosive Mischung

Print Friendly

Weihnachten ist bekanntlich nicht das Fest der Liebe, sondern das Fest der Hiebe. Das liegt meiner Ansicht nach an der viel zu hohen Erwartungshaltung und dem Stress, dem sich jeder von uns immer wieder aussetzt: Die Kinderlein müssen sauber, perfekt und engelsgleich aussehen; statt eines einfachen Bratens wollen wir unsere 27 Gäste mit einem Fünf-Gänge-Menü überraschen; und wenn der Langzeitfreund beim Anblick seines Geschenkes nicht automatisch auf die Knie fällt und einen Antrag macht, ist der Abend sowieso gelaufen.

Es gibt viele Dinge, die ein Familienfest sabotieren können. Damit ihr vorbereitet seid, habe ich hier eine kleine, unvollständige Liste zusammengestellt:

  • „Kind, was hast du denn da an?“
  • „Kind, du hättest ruhig vorher mal zum Friseur gehen können?“
  • „Kind, wird es nicht mal langsam Zeit, dass du heiratest?“
  • … etc. …
  • Der Gänsebraten ist verkohlt, die Gastgeberin heult und alle Gäste müssen so tun, als ob es schmeckt.
  • Der pubertierende Cousin spricht mit niemandem ein Wort und hämmert nur auf sein Smartphone ein – was zwangsläufig wildes Gezeter der Eltern hervorruft.
  • Irgendjemand klaut alle Plätzchen, zündelt am Weihnachtsbaum oder bringt einen pupsenden Kampfhund mit zur Feier.
  • Die Oma spricht Onkels zweite Frau mit dem Namen der ersten an – und will es wieder gut machen, indem sie bemerkt, dass ihr die erste ohnehin lieber war.
  • Mutter bekommt einen Kochtopf geschenkt und schmollt für den Rest des Abends. Selbstverständlich undifferenziert und in alle Richtungen.
  • Eine Seite hält sich an „Dieses Jahr schenken wir uns nichts!“ – die andere selbstredend nicht.
  • Die unerzogenen Gören der Cousine wischen ihre Schokoladenhände an der Tischdecke ab und die Cousine konstatiert: „Wir dürfen sie in ihrer Kreativität nicht einschränken!“
  • Es ist nicht genügend Wein im Haus, um sich die buckelige Verwandtschaft schön zu saufen.
  • Die Babys quengeln, die Kinder spielen laut schreiend, die Halbstarken stellen den Ton ihres Handys nicht aus – und alle Erwachsenen bekommen Kopfschmerzen und sind gereizt.
  • Jeder nörgelt an denen herum, die ihm am nächsten sind: die Mutter an Vater und Kind; der Onkel an Cousin und Tante; der Opa an der Oma und dem Staat.
  • Irgendjemand beginnt einen Satz mit „Wisst ihr noch, damals …“ Und zunächst hetzt die Gemeinschaft über Nicht-Anwesende – bevor sie dazu übergeht, sich gegenseitig zu zerfleischen: „Du bist doch mit deiner Habgier selbst schuld, dass dich hier keiner leiden kann …“

An dieser Stelle lehnen wir uns zurück und schauen diesem Schauspiel unbeteiligt zu. Wir genehmigen uns ein Schlückchen aus dem Flachmann, den wir vorsorglich eingepackt haben, kuscheln uns an den einzigen Menschen im Raum, den wir uns freiwillig ausgesucht haben und danken ihm dafür, dass er trotz dieser Familie bei uns bleibt.

Doch anstatt uns schlecht und schuldig zu fühlen und uns für unsere Verwandtschaft zu schämen, stellen wir uns vor, wie es gerade in diesem Moment in anderen deutschen Wohnstuben aussieht. Und da wird uns klar: Wir sind nicht allein; jede Familie hat irgendeine Schraube locker. Beruhigt durch diese Einsicht entspannen wir uns und summen leise vor uns hin: „Schri-hil-le Nacht, pein-liche Nacht …“