„Ein plötzlicher Todesfall“ – Harte Geduldsprobe von J. K. Rowling

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Als schnuckelige Urlaubslektüre hatte ich in diesem Jahr Ein plötzlicher Todesfall von J. K. Rowling auserkoren. Harry Potter hatte ich verschlungen und daher freute ich mich auf die Geschichte, die sich die Autorin für ihre erwachsenen Leser ausgedacht hatte. Aus einem mir nicht ganz ersichtlichen Grund hatte ich zunächst eine Kriminalgeschichte erwartet. Diese Illusion platze schnell und auch meine anderen Erwartungen musste ich alsbald über den Haufen werfen. Ein langes, zähes Ringen mit der 19-stündigen Hörbuch-Version begann.

Klappentext von „Ein plötzlicher Todesfall“

Als Barry Fairbrother mit Anfang vierzig plötzlich stirbt, sind die Einwohner von Pagford geschockt. Denn auf den ersten Blick ist die englische Kleinstadt mit ihrem hübschen Marktplatz und der alten Kirche ein verträumtes und friedliches Idyll, dem Aufregung fremd ist. Doch der Schein trügt. Hinter der malerischen Fassade liegt die Stadt im Krieg. Krieg zwischen arm und reich, zwischen Kindern und ihren Eltern, zwischen Frauen und ihren Ehemännern, zwischen Lehrern und Schülern. Und dass Barrys Sitz im Gemeinderat nun frei wird, schafft den Nährboden für den größten Krieg, den die Stadt je erlebt hat. Wer wird als Sieger aus der Wahl hervorgehen – einer Wahl, die voller Leidenschaft, Doppelzüngigkeit und unerwarteter Offenbarungen steckt?

Meine Meinung zu „Ein plötzlicher Todesfall“

Manch einer bezeichnet das erste Erwachsenenbuch von J. K. Rowling als Schrott, langweilig oder enttäuschend. Alles drei ist „Ein plötzlicher Todesfall“ nicht. Doch so sicher ich sagen kann, dass ich dieses Buch nicht schrottig, langweilig oder enttäuschend finde, desto unsicherer werde ich, wenn ich mich entscheiden muss, was es dann ist. Daher ist es wohl am einfachsten, wenn ich in kurzen Stichpunkten beschreibe, was ich im Verlauf des Hörens alles gedacht und empfunden habe.

  • Krass, wie viele Gossenwörter die Rowling kennt. Wenn man die alle aussortiert, bekommt man ein zweites Buch voll.
  • Und wer ist nun schon wieder Shirley? Die Schwiegertochter von Miles Mollison. Ah, nein, seine Mutter, Frau von Howard Mollison. Seine Frau ist Samantha. Schockschwere Not, wer soll sich diese tausend Namen merken?
  • Gibt es in diesem gottlosen Kaff eigentlich auch nur eine halbwegs sympathische Person?
  • Die haben doch alle ‘nen Vollschaden!
  • Das soll ein realistischer Gesellschaftsroman sein? Sind etwa alle Briten so? Aber ich mag die Monty-Python-Inspector-Lewis-Olympia-London-Briten doch so gerne. Sind die am Ende gar nicht so?
  • Ich schmeiß gleich mein iPhone an die Wand, bei so viel Blödheit!
  • Elf Stunden Rückflug von San Francisco. Würde reichen, um das Buch fertig zu hören. Sind nur noch acht Stunden. Aber wenn ich mich jetzt acht Stunden diesem Sumpf aussetze, ritze ich mir am Ende noch die Pulsadern auf. Dann doch lieber Agatha Christie. Die Briten hier ermorden sich zwar gegenseitig, sind aber trotzdem netter.
  • Ah, nach zehn Stunden Vorgeplänkel und Situationsbeschreibung passiert endlich einmal was.
  • Gut, diese Konsequenzen hätte selbst dieser minderbemittelte Zeitgenosse vorhersehen können – doch intelligent scheint in Pegford wohl niemand zu sein.
  • Ah schön, die einzige Person, die ich mag. Oh Schreck, das arme Wesen! Da hasse ich alle anderen gleich noch mehr.
  • Oh, die Handlung wird schneller, mitreißend, dramatisch. Buch zu Ende.

So, und hier sitze ich nun. Drei Monate habe ich gebraucht, um „Ein plötzlicher Todesfall“ zu hören. Wenn ich es hätte lesen müssen, wären wahrscheinlich Jahre ins Land gegangen. Sicher ist, dass J. K. Rowling eine der besten Autorinnen unserer Zeit ist. In Harry Potter glänzte ihre unendliche Fantasie, beim plötzlichen Todesfall strahlt ihre Erzählkunst. Trotzdem ist ihr Gesellschaftsroman echt schwere Kost. Wer nach einem spannenden Handlungsbogen sucht, der sich von Anfang bis Ende durchzieht, wird enttäuscht. Wer gerne seitenlange Situationsbeschreibungen liest und keine Handlung braucht, die ihn antreibt, kommt voll auf seine Kosten.

Für mich muss ein gutes Buch eine schnell fortlaufende Geschichte erzählen. Kleine Ausflüge nach hier und dort sind in Ordnung, sollten jedoch nicht überhandnehmen. Außerdem brauche ich immer kraftvolle Charaktere, mit denen ich mich teilweise identifizieren kann oder die zumindest sympathisch sind. Leider beklagt „Ein plötzlicher Todesfall“ einen eklatanten Mangel an beidem, weshalb es mir trotz aller Erzählkunst sehr, sehr schwer fiel, am Ball zu bleiben.

Noch zwei Worte zur Hörbuch-Version: Super gelesen! 🙂

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