Eine gelungene Fortsetzung: „Kolyma“ von Tom Rob Smith

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Mit seinem ersten Buch „Kind 44“ versetzte uns Tom Rob Smith ins Russland zur Stalin-Zeit. Er zeigte uns die Willkür des Staates, die jeden Menschen in seinem täglichen Leben treffen konnte. Mit „Kolyma“ legte er nur ein Jahr später die Fortsetzung nach – ein beklemmendes Werk um Schuld und die Frage, ob man selbst dann eine Wahl hat, wenn man keine Wahl hat.

Der ehemalige Agent Leo Demidow hat die Wirrungen des ersten Teils überlebt, ist nun Leiter des geheimen Morddezernats und lebt mit seiner Familie in Moskau. Doch seine Vorgeschichte holt ihn wieder ein. Um das Leben seiner Adoptivtochter zu retten, muss er sich in einen Gulag in Sibirien einschleusen. Dort soll er einen Priester befreien, den er selbst einst hinter Gitter gebracht hatte.

Tom Rob Smith beschreibt in „Kolyma“ einmal mehr die Grausamkeit des Russlands der 50er Jahre. Der lebensgefährliche Weg und Alltag in den Gulags. Die Willkür des Staates und seiner Handlanger. Die fadenscheinigen Gründe, die für ein Leben in Haft und Folter sorgten. Und über allem schwebt die Frage, ob man sich tatsächlich hinter einem Befehl verstecken kann. Ob man wirklich immer eine Wahl hat. Ob die Wahl zwischen dem eigenen Leben und dem eines anderen überhaupt eine Wahl ist.

Die Meinungen in meinem Bekanntenkreis zu Tom Rob Smiths zweitem Buch „Kolyma“ waren einhellig und doch grundverschieden. Einig waren wir uns, dass der zweite Teil genauso brillant recherchiert und geschrieben war wie der erste. Uneins waren wir uns darin, ob uns „Kind 44“ oder „Kolyma“ mehr bewegt hatte. Die einen sagten, dass sie die Fortsetzung noch erschütternder fanden als den ersten Teil. Ich persönlich war durch „Kind 44“ komplett desillusioniert – mich konnte im zweiten Teil nichts mehr schocken.

Nichtsdestotrotz ist auch „Kolyma“ ein fesselndes Buch mit einer spannenden Geschichte und vielen Verstrickungen und Wendungen. Tom Rob Smith ist es zum zweiten Mal beeindruckend gelungen, Fiktion mit einem Stück Zeitgeschichte zu verweben. Absolut lesenswert – aber erst nachdem man „Kind 44“ gelesen hat!


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