Der ganz normale Hauptversammlungs-Wahnsinn

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Aus gegebenem Anlass muss ich heute einmal ein paar kurze Sätze über Hauptversammlungen und ihre Besucher verlieren. „Mir gehört der Laden hier schließlich!“ Damit scheinen Anteilseigner jegliches Verhalten zu entschuldigen – vom einfachen Danebenbenehmen bis hin zum Diebstahl!

Der Morgen ist noch jung. Doch der erfindungsreiche Hauptversammlungsbesucher ist Frühaufsteher. Und der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Der Wurm auf Hauptversammlungen kommt daher in Form von Kaffee, süßen Teilchen, Stiften, Geschäftsberichten und anderem Kleinkram. Warum gemütlich zuhause frühstücken, wenn man in einem hässlichen Raum an Stehtischen schlechten Kaffee trinken und Kuchenstückchen abrippen kann? Selbst wenn man normalerweise ein herzhafter Frühstücker ist. Scheißegal, alles mitnehmen, schließlich gehört einem der Laden ja! Das gleiche gilt für Geschäftsberichte und dergleichen. Brav einen nehmen, damit man selbst etwas lesen kann? Nö! Am Wochenende kommen die Enkellein und die wollen ein neues Malbuch haben. Also, zehn Stück ab in den Jutebeutel, noch zwölf bis 153 Kugelschreiber dazu und weiter geht der Kreuzzug.

Doch oh weh, die lustige Sammelrunde wird jäh unterbrochen. So ein Hansel auf der Bühne sagt, dass es jetzt losgeht. Der Hansel wird in Fachkreisen auch Vorstand oder Aufsichtsrat genannt. Doch was hat der schon zu sagen? Der ist doch bloß Gehaltsempfänger. So gesehen wird dieser Hampelmann direkt von den Aktionären bezahlt. Aus der eigenen Tasche. Mit dem eigenen Geld. Schließlich gehört einem der Laden ja! Daher kann man auch ruhig etwas herumpöbeln, an jeder passenden und unpassenden Stelle „Buh“ rufen oder sich gar ganz vor die Tür verziehen. Das ist sowieso die beste Idee, denn da draußen stehen… richtig: Kaffee und Kuchen!

Von seinem Logenplatz aus hat man einen wunderbaren Blick aufs Büffet. Aha, der Kuchen wird weggeräumt. Das Mittagessen ist im Anmarsch. Das ist die Gelegenheit, noch etwas fürs häusliche Inventar zu tun. Ein kurzer Kontrollblick und schwupps sind Besteck und Porzellan im zweiten Jutesäckchen respektive der Aldi-Tüte verschwunden. Hat keiner gesehen. Und das verdächtige Klappern entschuldigt man mit dem neuen Porzellan-Hüftgelenk. Außerdem, was wollen die denn? Schließlich gehört einem der Laden ja! Da darf man auch das Geschirr des unbeteiligten Veranstalters mitnehmen. Oder die Kiste Wein, die hinter der Theke auf ihren Einsatz wartet…

Dann ist das Mittagessen da – und endlich kommen die tollen Tupperdosen zum Einsatz. Geschulte Hauptversammlungsteilnehmer verstauen Schnitzelchen, Kartoffelsalat, Brötchen und sogar Suppe fachmännisch in die vorbereiteten Behälter. Und woran erkennt man die Anfänger? Die leeren die gesamte Platte mit belegten, halben Brötchen in die versiffte Plastiktragetasche! Alles fällt kreuz und quer durcheinander und wird schön matschig und dreckig. Und abends freut man sich, dass man es den blöden Multikonzernen gezeigt hat. Denen hat man heute richtig gut geschadet! Aber man darf das selbstverständlich: Schließlich gehört einem der Laden ja!


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