Erste Regel für Tratschtanten

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Drehbuchautoren können manchmal gar nicht so quer denken wie das Leben tatsächlich spielt. Die irrwitzigsten Faktoren treffen aufeinander und bilden Geschichten, von denen man noch in zehn Jahren erzählt. So geschehen vor einer Woche in einem kleinen italienischen Café. Was ich an diesem Nachmittag lernte, ist heute mein Tipp des Tages: Erst gucken und lauschen, dann loslästern!

Mit zwei nicht näher benannten Personen aus meinem Umfeld saß ich in einem italienischen Café. Bei einem Gläschen Prosecco genossen wir die schöne Aussicht und musterten unsere Mitmenschen. Es dauerte nicht lange und ein Herr älteren Semesters trat in unser Blickfeld – unter anderem bekleidet mit einer kurzen, quietschrosa Hose. Da mein Begleiter und ich zwei kleine Lästermäuler sind, nutzen wir diese Steilvorlage schonungslos aus. Mit einem abgewandelten Zitat aus dem Film „Kevin allein zu Haus“ startete unsere Beurteilung der Lage.

Er: „Ein Junge in seinem Alter kann verhauen werden, wenn er so etwas trägt!“
Ich: „Ein Junge in jedem Alter kann verhauen werden, wenn er so etwas trägt!“

Das Kichern meines Begleiters fiel spärlich aus. Daher sah ich mich genötigt, nachzulegen:

Ich: „Nein, er sollte sogar verhauen werden, wenn er so etwas trägt!“

Damit war das Thema beendet und wir widmeten uns wieder unserem Prosecco.

Eine halbe Stunde später zahlten unsere linken Tischnachbarn ihre Rechnung. Sie standen auf – und direkt vor mir sah ich eine kurze Hose in exakt der Farbe, die unser vorheriges Lästerobjekt getragen hatte. Der Träger der Hose drehte sich noch einmal zu uns um und sagte in akzentfreiem Hochdeutsch mit extrabreitem Grinsen: „Auf Wiedersehen! Und einen schönen Tag noch!“ Wie immer tat sich auch in diesem Moment kein Erdloch auf, in das ich hätte verschwinden können.

Wir haben die Situation noch einmal analysiert. Mein Begleiter hatte gleich nach seinem Satz die rosa Hose am Nebentisch entdeckt. Aber wie hätte er mir ein Zeichen geben sollen, damit ich nicht antworte? Geschweige denn zwei Mal? Unser Nachbar hatte ihn noch während meiner Antworten angesehen und gegrinst. Danach hatte er sich seiner Frau zugewandt und ihr etwas zugeflüstert. Und schwupps, waren wir selbst Opfer einer kleinen Lästeraktion!

Und wieder einmal gilt der Grundsatz: Erst nachdenken, dann sprechen! Oder in unserem Fall: Erst gucken und lauschen, dann loslästern! Dann hätten wir die rosa Hose am Nebentisch gesehen und vor allem gehört, dass unsere Nachbarn der deutschen Sprache mächtig waren.

PS: Ich persönlich bin übrigens der Meinung, dass unser Nachbar gar nicht über uns gelästert hat. Ich denke, er hat sich bei seiner Frau beschwert: „Siehst du, ich habe doch gleich gesagt, dass die Farbe furchtbar ist!“